Hepatische Enzephalopathie beim Hund – wenn Verwirrung nicht einfach „Demenz“ ist
- Unsere Fellnase
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Mit zunehmendem Alter verändern sich viele Hunde. Manche Tiere wirken plötzlich verwirrt, laufen ziellos umher, starren Wände an oder vergessen ihre gewohnte Umgebung. Häufig wird dabei sofort an „Demenz“ oder das sogenannte Kognitive Dysfunktionssyndrom gedacht.
Doch nicht immer steckt das Gehirn selbst hinter diesen Symptomen. In vielen Fällen liegt die Ursache in einem ganz anderen Organ: der Leber.
Die sogenannte hepatische Enzephalopathie (HE) ist eine neurologische Störung, die infolge einer schweren Lebererkrankung oder einer gestörten Entgiftungsfunktion entsteht. Sie gehört zu den wichtigsten internistischen Ursachen neurologischer Symptome bei älteren Hunden und wird in der Praxis leider noch immer unterschätzt.
Die Leber – das wichtigste Entgiftungsorgan des Körpers
Die Leber übernimmt zahlreiche lebenswichtige Aufgaben:
Entgiftung von Stoffwechselprodukten
Speicherung von Nährstoffen
Bildung wichtiger Eiweiße
Regulation des Stoffwechsels
Produktion von Gallenbestandteilen
Verarbeitung von Medikamenten und Toxinen
Besonders wichtig ist die Entgiftung von Ammoniak (NH₃).
Ammoniak entsteht beim Eiweißabbau im Darm. Normalerweise gelangt es über die Pfortader direkt zur Leber. Dort wird es im sogenannten Harnstoffzyklus in ungiftigen Harnstoff umgewandelt und anschließend über die Nieren ausgeschieden.
Funktioniert die Leber jedoch nicht mehr ausreichend oder umgeht das Blut die Leber durch Gefäßfehlbildungen (portosystemische Shunts), steigt der Ammoniakspiegel im Blut an.
Was passiert bei einer hepatischen Enzephalopathie?
Kann die Leber Ammoniak und andere Giftstoffe nicht mehr ausreichend abbauen, gelangen diese über den Blutkreislauf ins Gehirn.
Dort verursachen sie schwere Störungen:
Veränderung der Neurotransmitter
Entzündungsreaktionen
Störung des Energiestoffwechsels
Schwellung der Astrozyten (Stützzellen des Gehirns)
oxidativen Stress
Das Gehirn arbeitet dadurch zunehmend „unter toxischer Belastung“.
Die Folge: Das Tier wirkt geistig verändert, desorientiert oder neurologisch auffällig.
Aktuelle veterinärmedizinische Studien zeigen, dass insbesondere erhöhte Ammoniakwerte, Entzündungsmediatoren und Veränderungen der Darm-Hirn-Achse eine zentrale Rolle bei der Entstehung der HE spielen (Center 2016; Lidbury & Suchodolski 2020).
Ursachen der hepatischen Enzephalopathie
Die häufigsten Auslöser sind:
Chronische Lebererkrankungen
Leberfibrose
Leberzirrhose
chronische Hepatitis
entzündliche Lebererkrankungen
Tumorerkrankungen
Portosystemische Shunts
Dabei wird Blut an der Leber vorbeigeleitet. Die Entgiftung findet dadurch nicht mehr ausreichend statt.
Schwere Stoffwechselstörungen
Magen-Darm-Blutungen
schwere Infektionen
Elektrolytstörungen
bestimmte Medikamente
stark eiweißreiche Mahlzeiten
Gerade ältere Tiere mit bereits vorgeschädigter Leber können dadurch plötzlich neurologische Symptome entwickeln.
Typische Symptome beim Hund
Die Symptome reichen von mild bis lebensbedrohlich.
Besonders typisch sind:
Desorientierung
zielloses Umherlaufen
Starren gegen Wände
„Head Pressing“
Wesensveränderungen
plötzliches aggressives Verhalten
Teilnahmslosigkeit
Tag-Nacht-Umkehr
Zittern
Muskelzuckungen
Krampfanfälle
Koordinationsstörungen
Speicheln
Blindheit
Bewusstseinsstörungen
Viele Besitzer berichten: „Mein Hund erkennt mich manchmal nicht mehr“.
Besonders wichtig: Diese Symptome werden oft fälschlicherweise ausschließlich dem Alter zugeschrieben.
Warum die Diagnose so wichtig ist
Der entscheidende Unterschied zur echten Demenz:
👉 Die hepatische Enzephalopathie ist häufig behandelbar.
Wird die Ursache erkannt und die Entgiftung verbessert, können sich viele Tiere neurologisch deutlich stabilisieren.
Je früher die Erkrankung erkannt wird, desto besser sind Prognose und Lebensqualität.
Diagnostik: Wie Tierärzte die HE erkennen
Die Diagnostik besteht aus mehreren Bausteinen.
Blutuntersuchung
Wichtige Parameter:
Leberenzyme
Bilirubin
Albumin
Cholesterin
Harnstoff
Ammoniak
Gallensäuren
Besonders der Gallensäuren-Stimulationstest gilt als wichtiger Hinweis auf eine gestörte Leberfunktion oder portosystemische Shunts.
Ammoniakbestimmung
Erhöhte Ammoniakwerte unterstützen den Verdacht auf eine hepatische Enzephalopathie.
Ultraschall
Mit dem Ultraschall können erkannt werden:
veränderte Leberstrukturen
Tumore
Fibrosen
Gefäßfehlbildungen
portosystemische Shunts
Neurologische Untersuchung
Da die Symptome neurologisch wirken, müssen auch andere Erkrankungen ausgeschlossen werden:
Hirntumore
Schlaganfälle
Epilepsie
Vergiftungen
kognitive Dysfunktion
Therapie: Das Gehirn entlasten
Das Ziel der Therapie ist:
✔️ die Giftstoffbelastung zu reduzieren
✔️ die Leber zu entlasten
✔️ neurologische Symptome zu verbessern
✔️ die Lebensqualität zu stabilisieren
Die wichtigsten Behandlungsansätze
Laktulose
Laktulose gehört zu den wichtigsten Medikamenten bei HE.
Sie senkt die Ammoniakaufnahme im Darm
verändert den Darm-pH
fördert die Ausscheidung von Giftstoffen
Angepasste Ernährung
Eine moderne Leberdiät bedeutet nicht „kein Protein“, sondern:
hochwertiges, leicht verdauliches Protein,
kontrollierte Eiweißmengen,
gute Energieversorgung,
leberfreundliche Zusammensetzung.
Eine zu starke Proteinreduktion kann Muskelabbau fördern und die Situation sogar verschlechtern.
Antibiotika
In manchen Fällen werden bestimmte Antibiotika eingesetzt, um ammoniakbildende Darmbakterien zu reduzieren.
Behandlung der Ursache
Je nach Ursache können notwendig sein:
Operation bei Shunts
Therapie chronischer Hepatitis
Behandlung von Tumoren
Management von Infektionen
Stabilisierung des Stoffwechsels
Die Darm-Hirn-Leber-Achse: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse
Die moderne Forschung zeigt zunehmend, dass Darmmikrobiom, Leber und Gehirn eng miteinander verbunden sind.
Bei HE verändern sich häufig:
Darmflora
Entzündungsreaktionen
bakterielle Stoffwechselprodukte
Dadurch entsteht eine zusätzliche Belastung für Gehirn und Leber.
Die sogenannte „Gut-Liver-Brain Axis“ wird deshalb aktuell intensiv erforscht (Suchodolski et al. 2021).
Unterstützung durch Physiotherapie und ganzheitliche Betreuung
Viele Tiere mit Lebererkrankungen zeigen:
Muskelabbau
Schwäche
Verspannungen
reduzierte Beweglichkeit
Sanfte physiotherapeutische Maßnahmen können helfen:
die Mobilität zu erhalten
Stress zu reduzieren
das Wohlbefinden zu verbessern
den Stoffwechsel zu unterstützen
Besonders bei Senioren kann eine Kombination aus:
internistischer Betreuung
angepasster Ernährung
medikamentöser Therapie
Schmerzmanagement
Physiotherapie
die Lebensqualität deutlich verbessern.
Fazit
Nicht jede „Verwirrtheit“ im Alter ist Demenz.
Die hepatische Enzephalopathie ist eine ernstzunehmende, aber oft behandelbare neurologische Folge einer Lebererkrankung. Gerade ältere Hunde profitieren enorm von einer frühzeitigen Diagnostik und gezielten Therapie.
Wenn ein Senior plötzlich:
verwirrt wirkt
gegen Wände läuft
sich stark verändert
nachts unruhig wird
Krampfanfälle zeigt
sollte immer auch die Leber untersucht werden.
Denn manchmal liegt die Ursache der „Verwirrung“ nicht im Kopf – sondern in der gestörten Entgiftung des Körpers.
Quellen / Studien
Center S.A. (2016): Hepatic Encephalopathy in Dogs and Cats
Lidbury J.A., Suchodolski J.S. (2020): Gut-Liver Axis in Veterinary Medicine
Rothuizen J. et al. (WSAVA Guidelines): Hepatic Diseases in Small Animals
Ettinger & Feldman: Textbook of Veterinary Internal Medicine
Washabau R., Day M.: Canine and Feline Gastroenterology
Suchodolski J. et al. (2021): Microbiome and Liver Disease in Dogs and Cats
BSAVA Manual of Canine and Feline Hepatology and Gastroenterology



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