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Hepatische Enzephalopathie beim Hund – wenn Verwirrung nicht einfach „Demenz“ ist

  • Unsere Fellnase
  • vor 1 Minute
  • 4 Min. Lesezeit
Wenn die Leber den Verstand vernebelt - Hepatische Enzephalopathie beim Hund
Wenn die Leber den Verstand vernebelt - Hepatische Enzephalopathie beim Hund

Mit zunehmendem Alter verändern sich viele Hunde. Manche Tiere wirken plötzlich verwirrt, laufen ziellos umher, starren Wände an oder vergessen ihre gewohnte Umgebung. Häufig wird dabei sofort an „Demenz“ oder das sogenannte Kognitive Dysfunktionssyndrom gedacht.


Doch nicht immer steckt das Gehirn selbst hinter diesen Symptomen. In vielen Fällen liegt die Ursache in einem ganz anderen Organ: der Leber.


Die sogenannte hepatische Enzephalopathie (HE) ist eine neurologische Störung, die infolge einer schweren Lebererkrankung oder einer gestörten Entgiftungsfunktion entsteht. Sie gehört zu den wichtigsten internistischen Ursachen neurologischer Symptome bei älteren Hunden und wird in der Praxis leider noch immer unterschätzt.


Die Leber – das wichtigste Entgiftungsorgan des Körpers

Die Leber übernimmt zahlreiche lebenswichtige Aufgaben:

Entgiftung von Stoffwechselprodukten

  • Speicherung von Nährstoffen

  • Bildung wichtiger Eiweiße

  • Regulation des Stoffwechsels

  • Produktion von Gallenbestandteilen

  • Verarbeitung von Medikamenten und Toxinen


Besonders wichtig ist die Entgiftung von Ammoniak (NH₃).

Ammoniak entsteht beim Eiweißabbau im Darm. Normalerweise gelangt es über die Pfortader direkt zur Leber. Dort wird es im sogenannten Harnstoffzyklus in ungiftigen Harnstoff umgewandelt und anschließend über die Nieren ausgeschieden.

Funktioniert die Leber jedoch nicht mehr ausreichend oder umgeht das Blut die Leber durch Gefäßfehlbildungen (portosystemische Shunts), steigt der Ammoniakspiegel im Blut an.


Was passiert bei einer hepatischen Enzephalopathie?

Kann die Leber Ammoniak und andere Giftstoffe nicht mehr ausreichend abbauen, gelangen diese über den Blutkreislauf ins Gehirn.

Dort verursachen sie schwere Störungen:

  • Veränderung der Neurotransmitter

  • Entzündungsreaktionen

  • Störung des Energiestoffwechsels

  • Schwellung der Astrozyten (Stützzellen des Gehirns)

  • oxidativen Stress


Das Gehirn arbeitet dadurch zunehmend „unter toxischer Belastung“.


Die Folge: Das Tier wirkt geistig verändert, desorientiert oder neurologisch auffällig.

Aktuelle veterinärmedizinische Studien zeigen, dass insbesondere erhöhte Ammoniakwerte, Entzündungsmediatoren und Veränderungen der Darm-Hirn-Achse eine zentrale Rolle bei der Entstehung der HE spielen (Center 2016; Lidbury & Suchodolski 2020).


Ursachen der hepatischen Enzephalopathie

Die häufigsten Auslöser sind:

  • Chronische Lebererkrankungen

  • Leberfibrose

  • Leberzirrhose

  • chronische Hepatitis

  • entzündliche Lebererkrankungen

  • Tumorerkrankungen

  • Portosystemische Shunts


Dabei wird Blut an der Leber vorbeigeleitet. Die Entgiftung findet dadurch nicht mehr ausreichend statt.

  • Schwere Stoffwechselstörungen

  • Magen-Darm-Blutungen

  • schwere Infektionen

  • Elektrolytstörungen

  • bestimmte Medikamente

  • stark eiweißreiche Mahlzeiten


Gerade ältere Tiere mit bereits vorgeschädigter Leber können dadurch plötzlich neurologische Symptome entwickeln.


Typische Symptome beim Hund

Die Symptome reichen von mild bis lebensbedrohlich.

Besonders typisch sind:

  • Desorientierung

  • zielloses Umherlaufen

  • Starren gegen Wände

  • „Head Pressing“

  • Wesensveränderungen

  • plötzliches aggressives Verhalten

  • Teilnahmslosigkeit

  • Tag-Nacht-Umkehr

  • Zittern

  • Muskelzuckungen

  • Krampfanfälle

  • Koordinationsstörungen

  • Speicheln

  • Blindheit

  • Bewusstseinsstörungen


Viele Besitzer berichten: „Mein Hund erkennt mich manchmal nicht mehr“.

Besonders wichtig: Diese Symptome werden oft fälschlicherweise ausschließlich dem Alter zugeschrieben.


Warum die Diagnose so wichtig ist

Der entscheidende Unterschied zur echten Demenz:

👉 Die hepatische Enzephalopathie ist häufig behandelbar.


Wird die Ursache erkannt und die Entgiftung verbessert, können sich viele Tiere neurologisch deutlich stabilisieren.

Je früher die Erkrankung erkannt wird, desto besser sind Prognose und Lebensqualität.


Diagnostik: Wie Tierärzte die HE erkennen

Die Diagnostik besteht aus mehreren Bausteinen.

  • Blutuntersuchung

Wichtige Parameter:

  • Leberenzyme

  • Bilirubin

  • Albumin

  • Cholesterin

  • Harnstoff

  • Ammoniak

  • Gallensäuren


Besonders der Gallensäuren-Stimulationstest gilt als wichtiger Hinweis auf eine gestörte Leberfunktion oder portosystemische Shunts.


Ammoniakbestimmung

Erhöhte Ammoniakwerte unterstützen den Verdacht auf eine hepatische Enzephalopathie.


Ultraschall

Mit dem Ultraschall können erkannt werden:

  • veränderte Leberstrukturen

  • Tumore

  • Fibrosen

  • Gefäßfehlbildungen

  • portosystemische Shunts


Neurologische Untersuchung

Da die Symptome neurologisch wirken, müssen auch andere Erkrankungen ausgeschlossen werden:

  • Hirntumore

  • Schlaganfälle

  • Epilepsie

  • Vergiftungen

  • kognitive Dysfunktion


Therapie: Das Gehirn entlasten

Das Ziel der Therapie ist:

✔️ die Giftstoffbelastung zu reduzieren

✔️ die Leber zu entlasten

✔️ neurologische Symptome zu verbessern

✔️ die Lebensqualität zu stabilisieren


Die wichtigsten Behandlungsansätze

Laktulose

Laktulose gehört zu den wichtigsten Medikamenten bei HE.

  • Sie senkt die Ammoniakaufnahme im Darm

  • verändert den Darm-pH

  • fördert die Ausscheidung von Giftstoffen


Angepasste Ernährung

Eine moderne Leberdiät bedeutet nicht „kein Protein“, sondern:

hochwertiges, leicht verdauliches Protein,

kontrollierte Eiweißmengen,

gute Energieversorgung,

leberfreundliche Zusammensetzung.

Eine zu starke Proteinreduktion kann Muskelabbau fördern und die Situation sogar verschlechtern.


Antibiotika

In manchen Fällen werden bestimmte Antibiotika eingesetzt, um ammoniakbildende Darmbakterien zu reduzieren.


Behandlung der Ursache

Je nach Ursache können notwendig sein:

  • Operation bei Shunts

  • Therapie chronischer Hepatitis

Behandlung von Tumoren

  • Management von Infektionen

  • Stabilisierung des Stoffwechsels


Die Darm-Hirn-Leber-Achse: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Die moderne Forschung zeigt zunehmend, dass Darmmikrobiom, Leber und Gehirn eng miteinander verbunden sind.

Bei HE verändern sich häufig:

  • Darmflora

  • Entzündungsreaktionen

  • bakterielle Stoffwechselprodukte


Dadurch entsteht eine zusätzliche Belastung für Gehirn und Leber.

Die sogenannte „Gut-Liver-Brain Axis“ wird deshalb aktuell intensiv erforscht (Suchodolski et al. 2021).


Unterstützung durch Physiotherapie und ganzheitliche Betreuung

Viele Tiere mit Lebererkrankungen zeigen:

  • Muskelabbau

  • Schwäche

  • Verspannungen

  • reduzierte Beweglichkeit


Sanfte physiotherapeutische Maßnahmen können helfen:

  • die Mobilität zu erhalten

  • Stress zu reduzieren

  • das Wohlbefinden zu verbessern

  • den Stoffwechsel zu unterstützen


Besonders bei Senioren kann eine Kombination aus:

  • internistischer Betreuung

  • angepasster Ernährung

  • medikamentöser Therapie

  • Schmerzmanagement

  • Physiotherapie

  • die Lebensqualität deutlich verbessern.


Fazit

Nicht jede „Verwirrtheit“ im Alter ist Demenz.

Die hepatische Enzephalopathie ist eine ernstzunehmende, aber oft behandelbare neurologische Folge einer Lebererkrankung. Gerade ältere Hunde profitieren enorm von einer frühzeitigen Diagnostik und gezielten Therapie.


Wenn ein Senior plötzlich:

  • verwirrt wirkt

  • gegen Wände läuft

  • sich stark verändert

  • nachts unruhig wird

  • Krampfanfälle zeigt


sollte immer auch die Leber untersucht werden.


Denn manchmal liegt die Ursache der „Verwirrung“ nicht im Kopf – sondern in der gestörten Entgiftung des Körpers.



Quellen / Studien

Center S.A. (2016): Hepatic Encephalopathy in Dogs and Cats

Lidbury J.A., Suchodolski J.S. (2020): Gut-Liver Axis in Veterinary Medicine

Rothuizen J. et al. (WSAVA Guidelines): Hepatic Diseases in Small Animals

Ettinger & Feldman: Textbook of Veterinary Internal Medicine

Washabau R., Day M.: Canine and Feline Gastroenterology

Suchodolski J. et al. (2021): Microbiome and Liver Disease in Dogs and Cats

BSAVA Manual of Canine and Feline Hepatology and Gastroenterology

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