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Kreuzbandriss beim Hund: Konservativ oder OP? TPLO, TTA, Fadenzügel und Bandersatz im Vergleich

Unsere Fellnase
vor 2 Stunden
7 Min. Lesezeit

Teil 2 unserer Kreuzband-Reihe

Die Diagnose steht, und dann kommt die nächste große Frage: Welche Behandlung ist die richtige? Kaum ein Thema verunsichert Hundehalter so sehr. Es gibt mehrere OP-Methoden, jede Klinik hat ihre Favoriten, und im Internet liest man zu jeder Methode Begeisterung und Horrorgeschichten.


Ich kenne dieses Gefühl sehr gut. Bei Shila habe ich mich zuerst für einen künstlichen Bandersatz entschieden, die sogenannte Vetlig-Methode, heute Zlig genannt. Ich wollte ihr einen so extremen Eingriff ersparen, bei dem der Knochen durchgesägt wird. Leider ist das Implantat nach sechs Monaten gerissen, und Shila musste ein zweites Mal operiert werden. Diesmal mit einer TPLO.


In diesem Teil erkläre ich dir die verschiedenen Möglichkeiten, was die Studien dazu sagen und welche Fragen du deinem Tierarzt stellen solltest. Die Entscheidung kann dir niemand abnehmen. Aber du kannst sie gut informiert treffen.


Zwei Grundprinzipien: Band ersetzen oder Kräfte verändern


Alle OP-Methoden lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen:

  • Bandersatz-Methoden versuchen, die Funktion des gerissenen Bandes durch ein Ersatzmaterial zu übernehmen, entweder außerhalb des Gelenks (Fadenzügel) oder im Gelenk (künstliches Kreuzband).

  • Osteotomien, also Umstellungs-OPs wie TPLO und TTA, ersetzen das Band nicht. Sie verändern die Geometrie des Schienbeins so, dass die Kraft, die das Schienbein nach vorn schieben will, neutralisiert wird. Das Knie braucht das Kreuzband dann für die Stabilität beim Laufen nicht mehr.


Der Unterschied ist wichtig: Weil der Kreuzbandriss beim Hund meist eine degenerative Erkrankung ist, wirken auf jedes Ersatzmaterial weiterhin dieselben Kräfte, die schon das eigene Band geschwächt haben. Fachleute sehen darin einen Grund, warum Bandersatz-Methoden nur begrenzt erfolgreich sind, während Umstellungs-OPs an der Ursache, der Biomechanik, ansetzen.


Konservative Behandlung: Geht es auch ohne OP?


Konservativ heißt: Schonung an der Leine über mehrere Wochen, Schmerz- und Entzündungshemmer, konsequente Gewichtsreduktion und Physiotherapie.


Das kann funktionieren, vor allem bei kleinen Hunden unter 15 kg. In einer älteren, aber viel zitierten Studie waren 86 % der kleinen Hunde nach rund drei Jahren klinisch normal oder deutlich gebessert. Bei Hunden über 15 kg waren es dagegen nur 19 %. Auch bei kleinen Hunden dauert die Erholung ohne OP allerdings länger, im Schnitt etwa vier Monate.


Eine Faustregel aus der Fachliteratur: Wenn sich ein Hund nach sechs Wochen konsequenter konservativer Behandlung nicht deutlich bessert, sind die Aussichten auf weitere Besserung eher ungünstig. Dann sollte die OP neu besprochen werden.


Fadenzügel (extrakapsuläre Stabilisierung)


Bei dieser Methode wird ein kräftiger Kunststofffaden außen am Gelenk entlang gespannt, meist zwischen einem kleinen Sesambein hinter dem Knie und dem Schienbein. Der Faden stabilisiert das Knie, bis sich Narbengewebe gebildet hat, das die Stabilität langfristig übernimmt. Moderne Varianten wie TightRope verankern das Material über Bohrkanäle im Knochen.


Vorteile: Kein Durchtrennen des Knochens, vergleichsweise günstig, bei kleinen und leichten Hunden oft gute Ergebnisse.


Nachteile: Der Faden kann sich lockern oder reißen. Bei großen, schweren und sehr aktiven Hunden zeigen Studien schlechtere Ergebnisse als nach einer TPLO.


Künstlicher Bandersatz im Gelenk (Vetlig/Zlig)


Hier wird ein synthetisches Band durch Bohrkanäle in Ober- und Unterschenkel gezogen und mit Schrauben verankert. Es liegt dort, wo vorher das eigene Kreuzband verlief, und soll dessen Anatomie möglichst genau nachbilden. Beim Menschen ist der Kreuzbandersatz Standard, beim Hund wird er seit einigen Jahren in manchen Kliniken angeboten.


Vorteile: Kein Durchtrennen des Knochens, die natürliche Anatomie bleibt weitgehend erhalten. Anbieter berichten von schneller Belastbarkeit nach der OP.


Nachteile: Die wissenschaftliche Datenlage ist noch dünn. Es gibt vor allem Fallserien und Erfahrungsberichte einzelner Kliniken, aber kaum unabhängige Vergleichsstudien mit TPLO oder TTA. Und das Ersatzband ist denselben Kräften ausgesetzt wie das ursprüngliche Kreuzband.


Genau das haben wir bei Shila erlebt. Wichtig ist mir aber auch: Unser Fall ist ein Einzelfall, und es gibt auch Hunde, bei denen der Bandersatz gut funktioniert. Frag deinen Tierarzt deshalb konkret nach seinen eigenen Ergebnissen mit dieser Methode.


TPLO (Tibial Plateau Leveling Osteotomy)


Bei der TPLO wird der obere Teil des Schienbeins bogenförmig durchtrennt, so weit gedreht, dass das Tibiaplateau fast waagerecht steht, und mit einer Platte und Schrauben fixiert. Durch den flacheren Winkel entsteht beim Laufen keine Kraft mehr, die das Schienbein nach vorn schiebt. Das Knie ist stabil, ohne dass ein Band diese Arbeit übernehmen muss.


Vorteile: Sehr gute Langzeitergebnisse, besonders bei großen und aktiven Hunden. Die TPLO ist die am besten untersuchte Methode und gilt bei vielen Spezialisten als Goldstandard.


Nachteile: Größerer Eingriff mit Knochenheilung, teurer, braucht einen erfahrenen Chirurgen und spezielles Instrumentarium. Implantat-Infektionen sind die häufigste größere Komplikation.


Bei Shila war die TPLO der zweite Eingriff, und meine Angst vor dem „Knochen durchsägen“ war groß. Nach dem gerissenen Bandersatz war bei ihr außerdem der Meniskus betroffen. Er wurde bei der TPLO mitversorgt und musste entfernt werden.


Shila hat sich gut erholt und das Bein ab dem dritten Tag vorsichtig wieder belastet. Allerdings haben wir uns extrem strikt an den Heilungsplan der Klinik gehalten. Nach 10 bis 12 Wochen ist die offizielle Heilungsphase zwar beendet, in Wahrheit dauert der gesamte Heilungsprozess aber ein gutes Jahr. Denn es muss nicht nur der Knochen heilen, sondern auch das Weichteilgewebe, das Narbengewebe und alles drumherum.


Heute sieht und merkt man kaum noch etwas. Es gibt aber immer mal wieder Phasen, in denen das Gangbild für ein paar Tage etwas unrund oder steif ist. Das lässt sich mit regelmäßiger Physiotherapie, im Winter mit warmer Hundekleidung und Rotlicht gut in den Griff bekommen. Und manche Dinge muss man dauerhaft beachten: Die Autorampe ist geblieben, Aufwärmen vor dem Freilauf ist Pflicht, keine Stop-and-go-Aktionen mehr, kein wildes, unkontrolliertes Toben. Unser Alltag ist angepasst, denn der Hund ist anatomisch nun einmal verändert.


TTA (Tibial Tuberosity Advancement)


Bei der TTA wird nicht das Tibiaplateau gedreht, sondern der Knochenvorsprung vorn am Schienbein, an dem die Kniescheibensehne ansetzt, nach vorn verlagert und mit einem Platzhalter fixiert. Dadurch verändert sich der Zug der Sehne so, dass sie das Schienbein nach hinten hält. Varianten sind zum Beispiel die Modified Maquet Procedure (MMP).


Vorteile: Ebenfalls eine Methode, die an der Biomechanik ansetzt. Manche Studien zeigen in den ersten Wochen nach der OP etwas weniger Lahmheit als nach der TPLO.


Nachteile: In Vergleichen schneidet die TTA bei Komplikationen und Langzeitergebnissen etwas schlechter ab als die TPLO. Bei sehr steilem Tibiaplateau, wie es viele kleine Rassen haben, ist sie umstritten.


Alle Methoden auf einen Blick


  • Konservativ: Schonung, Gewicht, Physio. Vor allem für Hunde unter 15 kg, wenn keine OP möglich ist. Datenlage: begrenzt, ältere Studien.

  • Fadenzügel / TightRope: Band ersetzen, außerhalb des Gelenks. Vor allem für kleine und mittlere Hunde. Datenlage: gut untersucht.

  • Bandersatz (Vetlig/Zlig): Band ersetzen, im Gelenk. Wird von Anbietern für alle Größen beworben. Datenlage: dünn, kaum Vergleichsstudien.

  • TPLO: Biomechanik verändern. Für alle Größen, besonders große und aktive Hunde. Datenlage: sehr gut untersucht.

  • TTA: Biomechanik verändern. Vor allem für mittlere und große Hunde. Datenlage: gut untersucht.


Was sagen die Studien?


  • TPLO vs. Fadenzügel: In einer randomisierten Studie zeigten Hunde nach einer TPLO ein Jahr nach der OP eine bessere Gliedmaßenfunktion, gemessen auf der Kraftmessplatte, und ihre Halter waren zufriedener. Eine Auswertung derselben Daten kam zu dem Schluss, dass der Unterschied groß genug ist, um bei großen Hunden die TPLO zu empfehlen.

  • TPLO vs. TTA: Eine systematische Übersichtsarbeit mit über 90 Studien fand nach der TPLO weniger Komplikationen (rund 16 % gegenüber 21 % nach der TTA) und objektiv bessere Gangbilder. Die Autoren betonen aber, dass die Studien schwer vergleichbar sind.

  • Langzeitvergleich: Eine Studie mit TightRope, TPLO und TTA fand für alle drei Methoden hohe Erfolgsraten. Langfristig schnitten TPLO und TightRope besser ab als die TTA.

  • Meniskus: Nach allen Verfahren kann der Meniskus später noch einreißen. Das ist in Studien die häufigste größere Komplikation.


Die wichtigste Erkenntnis: Es gibt keine Methode ohne Risiko. Die Erfahrung des Chirurgen mit seiner Methode ist mindestens so wichtig wie die Methode selbst.


Diese Fragen solltest du vor der Entscheidung stellen


  • Welche Methode empfehlen Sie für meinen Hund, und warum gerade diese?

  • Wie oft führen Sie diese OP durch, und wie sind Ihre eigenen Ergebnisse und Komplikationsraten?

  • Wird der Meniskus bei der OP untersucht und bei Bedarf behandelt?

  • Wie sieht die Nachsorge aus, und wie lange muss mein Hund geschont werden?

  • Welche Kosten kommen insgesamt auf mich zu, inklusive Kontrollröntgen und Physiotherapie?

  • Was passiert, wenn es Komplikationen gibt?


Und ganz wichtig: Hol dir bei Unsicherheit eine zweite Meinung, am besten bei einem Fachtierarzt für Chirurgie oder Orthopädie.


So geht es weiter in unserer Kreuzband-Reihe


  1. Kreuzbandriss beim Hund – Ursachen, Symptome, Diagnose

  2. Behandlung im Vergleich – konservativ oder OP, TPLO, TTA und andere Verfahren (dieser Beitrag)

  3. Vorbereitung auf die OP – und das Zubehör, das uns wirklich geholfen hat

  4. Nachsorge Woche für Woche

  5. Physiotherapie und Übungen

  6. Kosten und Absicherung


Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche Beratung. Er soll dir helfen, die Möglichkeiten zu verstehen und die richtigen Fragen zu stellen.


Quellen


  • Gordon-Evans W. J. et al. (2013): Comparison of lateral fabellar suture and tibial plateau leveling osteotomy techniques for treatment of dogs with cranial cruciate ligament disease. Journal of the American Veterinary Medical Association 243: 675–680.

  • Gordon-Evans W. J. (2016): Clinical effect of tibial plateau leveling osteotomy compared to lateral fabellar suture in dogs. Veterinary Evidence 1(3). Veterinary Evidence

  • Pennington C. et al. (2019): In canine cranial cruciate ligament rupture is outcome following TPLO improved compared with lateral suture? Veterinary Evidence 4(3). Veterinary Evidence

  • Beer P., Bockstahler B., Schnabl-Feichter E. (2018): Tibial plateau leveling osteotomy and tibial tuberosity advancement – a systematic review. Tierärztliche Praxis Ausgabe K 46: 223–235. Thieme

  • Christopher S. A., Beetem J., Cook J. L. (2013): Comparison of long-term outcomes associated with three surgical techniques for treatment of cranial cruciate ligament disease in dogs. Veterinary Surgery 42: 329–334. PubMed

  • Comerford E. et al. (2013): Management of cranial cruciate ligament rupture in small dogs: a questionnaire study. Veterinary and Comparative Orthopaedics and Traumatology. Thieme

  • Merickel J. L., Gordon-Evans W. J.: Do dogs with non-surgically managed cranial cruciate ligament disease have better outcomes with rehabilitation? Veterinary Evidence (Zusammenfassung u. a. der Studie von Vasseur 1984). Veterinary Evidence

  • Fauron A., Perry K.: Canine CrCL disease part 3: treatment and prognosis. Vet Times. vettimes.com

  • Der vordere Kreuzbandriss – Pathogenese, OP-Methoden und postoperative Rehabilitation (2021). Hands on – Manuelle und Physikalische Therapien in der Tiermedizin 3(04): 169–181. Thieme

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