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Physiotherapie nach Kreuzband-OP beim Hund: Reha-Phasen, Therapien und Übungen

Unsere Fellnase
vor 2 Stunden
8 Min. Lesezeit

Teil 5 unserer Kreuzband-Reihe


Die Operation stabilisiert das Knie. Ob dein Hund danach wieder kraftvoll, symmetrisch und schmerzfrei läuft, entscheidet sich aber zu einem großen Teil in den Wochen und Monaten danach. Physiotherapie ist deshalb kein netter Zusatz, sondern ein fester Bestandteil der Behandlung.


Bei Shila war sie einer der wichtigsten Bausteine. Vier Jahre nach ihrer TPLO läuft sie fast unauffällig, und bei den jährlichen Röntgenkontrollen zeigt sich kaum Arthrose. In diesem Teil erkläre ich dir, was im Körper deines Hundes nach der OP passiert, welche Therapien es gibt, was die Studienlage dazu sagt und welche Übungen in welcher Phase sinnvoll sind.


Wichtig vorab: Jede Reha muss individuell geplant werden, abhängig von OP-Methode, Heilungsverlauf, Alter, Gewicht und Begleiterkrankungen deines Hundes. Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche oder physiotherapeutische Betreuung. Er soll dir helfen zu verstehen, warum was gemacht wird.


Was nach der OP im Körper passiert


Um die Reha zu verstehen, hilft ein Blick darauf, welche Gewebe heilen müssen und wie lange sie dafür brauchen.


Knochen: Nach einer TPLO oder TTA wurde der Knochen durchtrennt und neu fixiert. Er heilt in mehreren Stufen, von der Entzündungsphase über die Bildung von Kallus bis zur festen Verknöcherung. Ob der Knochen belastbar ist, zeigt das Kontrollröntgen, meist etwa acht Wochen nach der OP.


Weichteile: Gelenkkapsel, Sehnen, Bänder und das Narbengewebe brauchen deutlich länger als der Knochen. Kollagenfasern werden über Monate umgebaut und erreichen erst nach langer Zeit wieder ihre volle Belastbarkeit. Deshalb ist die Heilung mit dem Röntgenbild nicht abgeschlossen.


Muskulatur: Schon wenige Tage Schonung führen zu messbarem Muskelabbau, besonders am Oberschenkel. Viele Hunde haben schon vor der OP wochenlang geschont. Diese Muskulatur stabilisiert das Knie aber aktiv mit und muss gezielt wieder aufgebaut werden.


Nervensystem und Propriozeption: Propriozeption ist die Wahrnehmung der eigenen Körperposition. Nach einer Verletzung und Schonzeit ist sie gestört, der Hund setzt das Bein unsicherer und weniger koordiniert auf. Auch das lässt sich trainieren.


Der restliche Körper: Durch die Schonhaltung tragen das andere Hinterbein, die Vorderbeine, der Rücken und die Hüfte mehr Last. Daraus entstehen Verspannungen, Blockaden und Überlastungen, ein Grund, warum bei Shila in den ersten Wochen vor allem der restliche Bewegungsapparat behandelt wurde.


Was die Studien sagen


Die Forschung zur Reha nach Kreuzband-OPs beim Hund ist noch überschaubar, aber es gibt klare Hinweise:

  • In einer kontrollierten Studie hatten Hunde, die nach einer TPLO früh und intensiv physiotherapeutisch betreut wurden, nach sechs Wochen einen größeren Oberschenkelumfang, also mehr Muskulatur, und eine bessere Beweglichkeit des Knies als Hunde ohne Physiotherapie.

  • Zu einzelnen Therapien wie der Lasertherapie ist die Datenlage gemischt. Dazu unten mehr.

  • Fachleute sind sich einig, dass die Reha individuell und an die Heilungsphase angepasst sein muss. Zu viel zu früh kann genauso schaden wie zu wenig.


Die Protokolle unterscheiden sich dabei von Klinik zu Klinik. Manche beginnen schon in den ersten Wochen mit sanften aktiven Übungen für das operierte Bein, andere, wie bei Shila, setzen bis zum Kontrollröntgen bewusst auf Schutz des Knies und Behandlung des restlichen Körpers. Entscheidend ist, dass Klinik und Physiotherapeutin zusammenarbeiten und der Plan zu deinem Hund passt.


Die vier Phasen der Reha


  • Phase 1, Schutz- und Entzündungsphase (Tag 1 bis Woche 2): Wundheilung, Schwellung und Schmerz stehen im Vordergrund. Ziele: Schmerz und Schwellung reduzieren, Beweglichkeit erhalten, restlichen Körper entlasten.

  • Phase 2, Heilungsphase (Woche 2 bis 8): Der Knochen bildet Kallus, Narbengewebe entsteht. Ziele: Muskelabbau begrenzen, Kompensation behandeln, Narbe geschmeidig halten.

  • Phase 3, Aufbauphase (ab Kontrollröntgen, ca. Woche 8 bis 12): Der Knochen verknöchert, die Weichteile bauen sich um. Ziele: Kraft, Koordination und Gleichgewicht gezielt aufbauen.

  • Phase 4, Rückkehr in den Alltag (ca. Monat 3 bis 12): Weichteile reifen aus, die Muskulatur kehrt zurück. Ziele: Ausdauer, Belastbarkeit, kontrollierte Rückkehr zu Freilauf und Sport.


Die Zeiträume sind Richtwerte. Entscheidend ist immer der tatsächliche Heilungsverlauf deines Hundes.


Physikalische Therapien im Überblick


Physiotherapie besteht nicht nur aus Übungen. Ein großer Teil, besonders in den ersten Wochen, sind physikalische und manuelle Therapien. Hier die wichtigsten, mit Einordnung, wann sie sinnvoll sind.


Kältetherapie (Kryotherapie)


Wann: in den ersten Tagen nach der OP

Wie sie wirkt: Kälte verengt die Blutgefäße, reduziert Schwellung und dämpft den Schmerz.

Anwendung: Kühlpack nie direkt auf die Haut, sondern in ein dünnes Tuch gewickelt, wenige Minuten, mehrmals täglich nach Vorgabe der Klinik. Solange ein Verband wie der Robert-Jones-Verband angelegt ist, entfällt das meist.


Lymphdrainage


Wann: ab den ersten Tagen, sobald der Verband ab ist

Wie sie wirkt: Mit sehr sanften, rhythmischen Griffen wird die Lymphflüssigkeit Richtung Lymphknoten geleitet. Das baut Schwellungen ab und kann die Wundheilung unterstützen.

Bei Shila: Die Physiotherapeutin kam ab Tag 3 täglich zu uns nach Hause und hat Lymphdrainage gemacht. Für uns war das ein echter Gewinn.


Massage und manuelle Therapie


Wann: ab der ersten Woche, über die gesamte Reha

Wie sie wirkt: Massage fördert die Durchblutung, löst Verspannungen und wirkt entspannend. Manuelle Therapie geht gezielt an Gelenke und Wirbelsäule, um Blockaden zu lösen und die Beweglichkeit zu erhalten.

Warum das so wichtig ist: Ein Hund, der ein Bein wochenlang schont, belastet den restlichen Körper falsch. Bei Shila gab es deshalb sechs Wochen lang manuelle Therapie für den gesamten Bewegungsapparat, nicht für das operierte Knie.


Passive Bewegungstherapie und Dehnen


Wann: nach Freigabe durch die Klinik, oft schon in den ersten Wochen

Wie sie wirkt: Die Therapeutin bewegt die Gelenke des Hundes vorsichtig durch ihren Bewegungsumfang, ohne dass der Hund selbst Kraft aufwendet. Das erhält die Beweglichkeit und verhindert Verklebungen. Dehnungen, etwa der Hüftbeuger und der Oberschenkelmuskulatur, halten die Muskeln geschmeidig.

Wichtig: Passive Bewegung und Dehnen nur nach Anleitung durch die Physiotherapeutin. Falsch ausgeführt können sie dem heilenden Gewebe schaden.


Wärmetherapie und Rotlicht


Wann: nicht in der akuten Entzündungsphase, sondern erst, wenn das Knie nicht mehr warm und geschwollen ist

Wie sie wirkt: Wärme erhöht die Durchblutung, lockert Muskulatur und Gewebe und bereitet gut auf Bewegung oder Massage vor.

Bei Shila: Rotlicht nutzen wir bis heute, vor allem im Winter oder wenn ihr Gangbild für ein paar Tage steifer ist.


Unser Tipp: Rotlichtlampe

Wärme für Muskulatur und Gelenke, bei Shila bis heute im Einsatz, vor allem im Winter. Abstand und Dauer bitte mit deiner Therapeutin absprechen und deinen Hund nie unbeaufsichtigt bestrahlen.




Lasertherapie (Photobiomodulation)


Wann: oft schon in den ersten Wochen, für Narbe, Gewebe und Schmerz

Wie sie wirkt: Licht einer bestimmten Wellenlänge soll Stoffwechselprozesse in den Zellen anregen, Entzündungen dämpfen und die Gewebeheilung unterstützen.

Was die Studien sagen: Die Datenlage ist gemischt. Eine aktuelle Auswertung von drei Studien fand keinen messbaren Vorteil der Lasertherapie für die Knochenheilung nach einer TPLO. Für Schmerz, Wundheilung und Weichteile gibt es positive Erfahrungsberichte, aber noch keine eindeutigen Belege.

Bei Shila: Sie bekam Lasertherapie für Narbe und umliegendes Gewebe. Ihre Narbe ist heute kaum noch zu sehen. Ob das am Laser lag, kann ich nicht sicher sagen, aber für uns war es ein sinnvoller Baustein.


Unser Tipp: Softlaser für zu Hause

Für die Anwendung zu Hause. Wichtig: Lass dir die Anwendung, Dauer und Einstellungen von deiner Therapeutin zeigen, bevor du selbst damit arbeitest.




Hydrotherapie: Unsere Sicht


Hydrotherapie wird nach Kreuzband-OPs häufig empfohlen, vor allem das Unterwasserlaufband. Ich sehe das bei Kniepatienten persönlich kritisch. Im Wasser entsteht kein natürliches Bewegungsmuster, weil Auftrieb und Wasserwiderstand den Bewegungsablauf verändern. Bei Hüftpatienten oder zur allgemeinen Fitness kann Hydrotherapie sinnvoll sein. Beim Knie haben wir bei Shila bewusst darauf verzichtet und auf Training an Land gesetzt. Sprich mit deiner Physiotherapeutin darüber, was für deinen Hund passt.


Elektrotherapie


Wann: individuell, nach Einschätzung der Therapeutin

Wie sie wirkt: Bei der neuromuskulären Elektrostimulation (NMES) werden Muskeln über Elektroden gezielt zum Anspannen gebracht, um dem Muskelabbau entgegenzuwirken. TENS wird vor allem zur Schmerzlinderung eingesetzt.

Wichtig: Elektrotherapie gehört in die Hände von ausgebildeten Therapeuten.


Therapeutische Übungen: Was in welcher Phase passt


Aktive Übungen bauen Kraft, Koordination und Gleichgewicht wieder auf. Ich nenne dir hier bewusst nur, welche Übungen es gibt und wofür sie da sind. Die Anleitung und die korrekte Ausführung gehören in die Hände deiner Physiotherapeutin. Eine Übung bringt nur dann etwas, wenn sie sauber ausgeführt wird. Falsch gemacht trainiert man die Schonhaltung mit oder überlastet das heilende Gewebe. Trainiere deshalb erst eigenständig mit deinem Hund, wenn die Ausführung unter Anleitung sitzt.


Voraussetzungen für aktiven Muskelaufbau am operierten Bein:

  • Die Verknöcherung ist laut Kontrollröntgen abgeschlossen

  • Dein Hund ist schmerzfrei

  • Er belastet das Bein sauber und steht stabil

  • Klinik und Physiotherapeutin haben ihr Okay gegeben


Phase 1 und 2: Schutz und kontrollierte Bewegung


In diesen Wochen geht es nicht um Kraft, sondern um kontrollierte, langsame Bewegung an der kurzen Leine, im Rahmen dessen, was die Klinik erlaubt. Die Behandlung konzentriert sich auf Schwellung, Schmerz, Narbe und den restlichen Bewegungsapparat.


Phase 3: Gezielter Aufbau (ab Kontrollröntgen)


Jetzt beginnt das eigentliche Training für das operierte Bein. Bei Shila war das ab Woche 10. Typische Übungen in dieser Phase sind zum Beispiel:

  • Kraft in Oberschenkel und Gesäß: Sitz-Steh-Wechsel, Bergaufgehen

  • Gelenkbeugung und Koordination: Cavaletti, Bodenstangen

  • Wahrnehmung der Pfoten (Propriozeption): Gehen auf unterschiedlichen Untergründen

  • Tiefenmuskulatur und Gelenkstabilität: Balanceübungen, Gewichtsverlagerung, Dreibeinstand

  • Seitliche Stabilität und Beweglichkeit: Achten und Slalom im Schritt


Welche Übungen für deinen Hund passen, in welcher Reihenfolge, wie oft und wie lange, legt deine Physiotherapeutin fest.


Phase 4: Zurück in den Alltag


Jetzt werden Dauer und Intensität langsam gesteigert: längere Spaziergänge, Treppensteigen im Schritt, später kurzer, kontrollierter Freilauf. Explosive Bewegungen wie Ballwerfen, Sprints, Stop-and-go und wildes Toben kommen erst ganz zum Schluss oder bleiben, wie bei Shila, dauerhaft tabu.


Aufwärmen: Pflicht vor jedem Freilauf


Ein operiertes Knie verzeiht kalte Muskeln weniger als ein gesundes. Beim Aufwärmen steigen Herzfrequenz und Durchblutung, die Muskulatur wird elastischer, Sehnen und Bänder werden geschmeidiger, und das Nervensystem wird aktiviert. Das verbessert die Koordination und senkt das Verletzungsrisiko.


Ein gutes Aufwärmen dauert etwa fünf bis zehn Minuten und besteht aus mehreren Bausteinen: Warmlaufen im Schritt und lockeren Trab, Positionswechsel wie Steh, Sitz und Platz, Mobilisation der Wirbelsäule und erst dann der Freilauf. Nach dem Freilauf hilft ein ruhiges Auslaufen an der Leine. Wie das Aufwärmen für deinen Hund konkret aussehen sollte, lass dir am besten von deiner Physiotherapeutin zeigen.


Typische Fehler in der Reha


  • Zu viel zu früh: Der Hund wirkt munter, also wird mehr gemacht. Aber außen gut auszusehen heißt nicht, dass Knochen und Weichteile schon belastbar sind.

  • Zu lange Einheiten: Lieber mehrmals täglich kurz als einmal lang. Müde Muskeln führen zu Ausweichbewegungen.

  • Unsaubere Ausführung: Eine Übung bringt nur etwas, wenn sie korrekt gemacht wird. Sonst trainiert man die Schonhaltung mit.

  • Nur das Knie im Blick: Rücken, Hüfte und das andere Bein brauchen genauso Aufmerksamkeit.

  • Zu früh aufhören: Die Muskulatur braucht Monate, um wieder auf das alte Niveau zu kommen.


Anzeichen für Überlastung: vermehrtes Lahmen nach dem Training oder am nächsten Tag, Steifheit nach Ruhephasen, Lecken am Knie, Schwellung oder Wärme am Gelenk. Dann einen Schritt zurück, Pensum verringern und mit der Physiotherapeutin sprechen.


Buchtipp


Wer tiefer einsteigen möchte, dem empfehle ich das Buch „Form, Funktion, Fitness: Ganzheitliches Training für Sport und Physiotherapie beim Hund“. Es ist auch für Physiotherapeuten ein gutes Nachschlagewerk. Wichtig auch hier: Das Buch ersetzt keine Anleitung. Lass dir Übungen immer zuerst von deiner Therapeutin zeigen und trainiere erst eigenständig, wenn die Ausführung sitzt.


Unser Tipp: Form, Funktion, Fitness

Ganzheitliches Training für Sport und Physiotherapie beim Hund. Ein fundiertes Nachschlagewerk für Halter und Therapeuten.




Und heute?


Shila geht bis heute regelmäßig zur Physiotherapie, auch ohne akute Beschwerden. Aufwärmen ist vor jedem Freilauf Pflicht, und wenn ihr Gangbild für ein paar Tage steifer wird, helfen Rotlicht und eine angepasste Runde. Für mich ist Physiotherapie keine Phase nach der OP, sondern ein Teil unseres Lebens mit einem operierten Hund.


So geht es weiter in unserer Kreuzband-Reihe


  1. Kreuzbandriss beim Hund – Ursachen, Symptome, Diagnose

  2. Behandlung im Vergleich – konservativ oder OP, TPLO, TTA und andere Verfahren

  3. Vorbereitung auf die OP – und das Zubehör, das uns wirklich geholfen hat

  4. Nachsorge Woche für Woche

  5. Physiotherapie und Übungen (dieser Beitrag)

  6. Kosten und Absicherung


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Quellen


  • Monk M. L., Preston C. A., McGowan C. M. (2006): Effects of early intensive postoperative physiotherapy on limb function after tibial plateau leveling osteotomy in dogs with deficiency of the cranial cruciate ligament. American Journal of Veterinary Research 67: 529–536.

  • Moore L. (2025): Does LLLT improve radiographic healing for dogs with cranial cruciate ligament rupture undergoing TPLO surgery? Veterinary Evidence 10(4). Veterinary Evidence

  • Challande-Kathmann I. (2014): Physiotherapie beim Kreuzbandriss – Welche Maßnahmen sind sinnvoll? kleintier.konkret 4: 3–10. Thieme

  • Der vordere Kreuzbandriss – Pathogenese, OP-Methoden und postoperative Rehabilitation (2021). Hands on – Manuelle und Physikalische Therapien in der Tiermedizin 3(04): 169–181. Thieme

  • Sellon D. C., Marcellin-Little D. J. (2022): Risk factors for cranial cruciate ligament rupture in dogs participating in canine agility. BMC Veterinary Research 18. PMC

  • Arthrex Vet Systems: TPLO Surgery Recovery – What to Expect as Your Pet Heals. arthrexvetsystems.com

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