Atopische Dermatitis beim Hund: Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung

Dein Hund kratzt sich, leckt ständig die Pfoten, hat immer wieder Ohrenentzündungen oder rote Stellen am Bauch, und das oft schon seit Jahren? Dann steckt sehr häufig eine atopische Dermatitis dahinter, die Umweltallergie des Hundes. Sie ist die häufigste allergische Hauterkrankung beim Hund.
In diesem großen Ratgeber erfährst du, was hinter der atopischen Dermatitis steckt, woran du sie erkennst, wie die Diagnose gestellt wird, welche Behandlungen es gibt und wie du deinem Hund im Alltag hilfst. Zu vielen Teilthemen findest du ausführliche Beiträge, die wir dir jeweils verlinken.
Was ist atopische Dermatitis?
Atopische Dermatitis (kurz CAD, von Canine Atopic Dermatitis) ist eine erblich bedingte, entzündliche und juckende Hauterkrankung. Das Immunsystem reagiert überschießend auf eigentlich harmlose Stoffe aus der Umwelt, zum Beispiel:
Hausstaubmilben und Futtermilben (Vorratsmilben)
Pollen von Gräsern, Bäumen und Kräutern, zum Beispiel Beifuß
Schimmelpilzsporen
seltener Hautschuppen anderer Tiere oder Insekten
Man schätzt, dass etwa jeder zehnte Hund betroffen ist. Die Erkrankung ist nicht heilbar, lässt sich aber in den meisten Fällen gut in den Griff bekommen.
Wie entsteht die Erkrankung?
Bei der atopischen Dermatitis kommen mehrere Faktoren zusammen:
Genetik: Die Veranlagung wird vererbt. Bestimmte Rassen sind deutlich häufiger betroffen.
Gestörte Hautbarriere: Die Haut atopischer Hunde ist durchlässiger. Allergene dringen leichter ein, und die Haut verliert mehr Feuchtigkeit.
Fehlgesteuertes Immunsystem: Das Immunsystem bildet Antikörper gegen harmlose Umweltstoffe und reagiert bei Kontakt mit einer Entzündung.
Gestörtes Hautmikrobiom: Auf der Haut vermehren sich Bakterien wie Staphylokokken und Hefepilze wie Malassezien stärker.
Darm und Immunsystem: Auch der Darm spielt bei der Immunregulation eine Rolle. Mehr dazu in unserem Beitrag zur Darm-Haut-Achse.
Anders als lange angenommen gelangen die Allergene beim Hund zu einem großen Teil direkt über die Haut in den Körper, nicht nur über die Atemwege.
Besonders häufig betroffene Rassen
Unter anderem West Highland White Terrier, Labrador und Golden Retriever, Französische Bulldogge, Boxer, Mops, Shar-Pei, Deutscher Schäferhund, Cocker Spaniel und viele Terrier. Grundsätzlich kann aber jeder Hund betroffen sein, auch Mischlinge.
Typische Symptome
Das Leitsymptom ist Juckreiz. Am Anfang ist die Haut oft noch unauffällig, erst durch Kratzen, Lecken und Folgeinfektionen entstehen sichtbare Veränderungen.
Typische Stellen
Pfoten und Zehenzwischenräume
Ohren, oft mit wiederkehrenden Ohrenentzündungen
Gesicht, Lefzen, rund um die Augen
Achseln, Bauch, Leiste und Innenseiten der Beine
rund um den After
Weitere Anzeichen
Pfotenlecken und Knabbern zwischen den Zehen
Reiben des Gesichts an Möbeln oder am Boden
Rötungen, Pusteln, Schuppen
rotbraune Verfärbung des Fells durch Speichel
Haarausfall und verdickte, dunkle Haut bei längerem Verlauf
muffiger Geruch durch Folgeinfektionen mit Hefepilz oder Bakterien
tränende, gerötete Augen
Unruhe und schlechter Schlaf durch Juckreiz
Verlauf
Die ersten Beschwerden zeigen sich meist zwischen sechs Monaten und drei Jahren. Anfangs treten sie oft nur saisonal auf, etwa im Frühjahr und Sommer bei Pollenallergie. Mit den Jahren werden die Phasen bei vielen Hunden länger, und später bestehen die Beschwerden häufig das ganze Jahr.
Diagnose: Ausschluss Schritt für Schritt
Es gibt keinen einzelnen Test, der eine atopische Dermatitis beweist. Die Diagnose wird klinisch gestellt, also anhand von Vorgeschichte und Symptomen, und durch den Ausschluss anderer Ursachen.
Parasiten ausschließen: Flöhe, Milben wie Sarcoptes oder Demodex und Grasmilben. Konsequenter Flohschutz ist Pflicht.
Infektionen behandeln: Bakterien und Hefepilze werden per Zytologie nachgewiesen und gezielt behandelt.
Futtermittelallergie ausschließen: Bei ganzjährigen Beschwerden mit einer strengen Ausschlussdiät über mindestens acht Wochen. Futtermittel- und Umweltallergie können auch gleichzeitig vorliegen.
Diagnose stellen: Bleibt der Juckreiz trotz Parasitenschutz, Infektionsbehandlung und Diät, und passen Vorgeschichte und Verteilung der Symptome, wird die Diagnose atopische Dermatitis gestellt.
Hilfreich sind dabei die sogenannten Favrot-Kriterien. Sind fünf von acht typischen Merkmalen erfüllt, ist eine atopische Dermatitis wahrscheinlich. Dazu gehören zum Beispiel der Beginn vor dem dritten Lebensjahr, betroffene Vorderpfoten und Ohrmuscheln, ein unauffälliger Rücken und Juckreiz, der gut auf Kortison anspricht.
Und die Allergietests?
Der Intrakutantest und Bluttests auf Umweltallergene beweisen keine Allergie. Sie kommen erst ins Spiel, wenn die Diagnose bereits feststeht, und zeigen dann, welche Allergene in eine Hyposensibilisierung gehören.
Behandlung: mehrere Bausteine
Die Behandlung wird individuell zusammengestellt. Internationale Leitlinien unterscheiden zwischen der Behandlung akuter Schübe und der langfristigen Kontrolle.
Bei akuten Schüben
Auslöser so gut wie möglich meiden
Baden mit einem milden, juckreizlindernden Shampoo
kurzfristig Kortison oder andere juckreizstillende Medikamente nach tierärztlicher Verordnung
Infektionen mit Bakterien oder Hefepilzen gezielt behandeln
Langfristig
Allergenspezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung): die einzige Behandlung, die an der Ursache ansetzt. Der Hund bekommt über Monate steigende Mengen seiner Allergene, als Spritze oder Tropfen. Viele Hunde sprechen gut an, der Effekt zeigt sich aber oft erst nach sechs bis zwölf Monaten.
Moderne Juckreizmedikamente: Es gibt heute mehrere wirksame Medikamente, zum Beispiel Tabletten, die gezielt die Juckreiz-Botenstoffe blockieren, oder eine monatliche Antikörper-Spritze. Welches passt, entscheidet der Tierarzt nach Schwere, Alter und Begleiterkrankungen.
Ciclosporin oder Kortison: werden je nach Situation ebenfalls langfristig eingesetzt, Kortison möglichst niedrig dosiert.
Hautbarriere stärken: rückfettende Shampoos, Spot-on-Präparate mit Fettsäuren und Ceramiden, Omega-3-Fettsäuren
Folgeinfektionen vorbeugen: regelmäßige Pflege mit antiseptischen Shampoos oder Spülungen
Antihistaminika, die beim Menschen oft gut helfen, wirken beim Hund meist nur schwach.
Unterstützende Maßnahmen
Omega-3-Fettsäuren aus Fisch- oder Algenöl
eine gute Versorgung mit Zink und anderen Nährstoffen
Unterstützung des Darms, mehr dazu bei Darmgesundheit
Nahrungsergänzungen wie Quercetin nach Absprache mit dem Tierarzt
Allergene im Alltag reduzieren
Nach dem Spaziergang: Pfoten, Bauch und Achseln abwischen oder abspülen
Regelmäßig baden mit einem passenden, milden Shampoo, in der Saison oft wöchentlich
Milben reduzieren: Liegeplätze heiß waschen, Hund nicht im Bett schlafen lassen, regelmäßig saugen mit HEPA-Filter
Futtermilben: Trockenfutter in kleinen Mengen kaufen, gut verschlossen und kühl lagern
Pollen: Pollenflug beobachten, Wegränder und hohe Wiesen in der Hauptblüte meiden
Flohschutz konsequent, auch wenn keine Flöhe zu sehen sind
Unsere Erfahrung
Auch Shila ist Allergikerin. Bei ihr hat nicht eine einzelne Maßnahme geholfen, sondern das Zusammenspiel: verträgliches Futter, Darmaufbau, Hautpflege nach dem Spaziergang und ein fester Plan für die Allergiesaison. Was wir dabei konkret einsetzen, liest du in unseren Erfahrungsberichten zu allergyCARE, skinHELP und SivoMixx.
Wann solltest du zum Tierarzt?
wenn dein Hund sich mehr als ein paar Tage stark kratzt oder leckt
bei offenen, nässenden oder riechenden Hautstellen und Hot Spots
bei wiederkehrenden Ohrenentzündungen
wenn dein Hund wegen Juckreiz nicht mehr schläft
bei Fieber, Abgeschlagenheit oder großflächigen Hautveränderungen
Bei hartnäckigen Fällen lohnt sich der Weg zu einer Tierärztin oder einem Tierarzt mit Schwerpunkt Dermatologie.
Unser Fazit
Atopische Dermatitis ist eine lebenslange Erkrankung, aber kein Grund zur Verzweiflung. Mit einer gründlichen Diagnose, der Behandlung von Infektionen, wirksamen Juckreizmedikamenten, einer möglichen Hyposensibilisierung und guter Hautpflege können die meisten Hunde ein weitgehend beschwerdefreies Leben führen.
Wie du Schritt für Schritt vorgehst und dich optimal auf den Tierarzttermin vorbereitest, zeigt dir unser kostenloses Allergie-Starterkit.
🐾 Kostenloses Allergie-Starterkit: Checkliste, Vorbereitungsbogen für den Tierarzt, Juckreiz-Tagebuch und 8-Wochen-Plan für die Ausschlussdiät – 16 Seiten zum Ausdrucken, kostenlos per E-Mail.
Häufige Fragen zur atopischen Dermatitis beim Hund
Ist atopische Dermatitis heilbar?
Nein, aber sie lässt sich in den meisten Fällen gut kontrollieren. Die Hyposensibilisierung kann die Beschwerden bei vielen Hunden deutlich reduzieren.
Woher weiß ich, ob es eine Umwelt- oder Futtermittelallergie ist?
Das zeigt nur die Ausschlussdiät. Bessern sich die Beschwerden unter der Diät und kommen bei der Provokation zurück, liegt eine Futtermittelallergie vor. Beides kann auch gleichzeitig bestehen.
Hilft ein Futterwechsel bei atopischer Dermatitis?
Bei einer reinen Umweltallergie nicht direkt. Ein hochwertiges Futter mit guter Fettsäureversorgung unterstützt aber die Hautbarriere.
Wie lange muss mein Hund Medikamente bekommen?
Oft dauerhaft oder zumindest in der Allergiesaison. Ziel ist die niedrigste wirksame Dosis, möglichst kombiniert mit Hautpflege und Hyposensibilisierung.
Ab welchem Alter tritt die Erkrankung auf?
Meist zwischen sechs Monaten und drei Jahren. Beginnt der Juckreiz erst bei einem älteren Hund, sollten andere Ursachen besonders gründlich abgeklärt werden.
Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche Beratung. Bei anhaltendem Juckreiz wende dich bitte an deinen Tierarzt.
Quellen
Olivry T. et al. (2015): Treatment of canine atopic dermatitis: 2015 updated guidelines from the International Committee on Allergic Diseases of Animals (ICADA), BMC Veterinary Research 11:210
Hensel P. et al. (2015): Canine atopic dermatitis: detailed guidelines for diagnosis and allergen identification, BMC Veterinary Research 11:196
Favrot C. et al. (2010): A prospective study on the clinical features of chronic canine atopic dermatitis and its diagnosis, Veterinary Dermatology 21(1):23–31
Marsella R. (2021): Advances in our understanding of canine atopic dermatitis, Veterinary Dermatology 32(6):547–e151
Das könnte dich auch interessieren
Bücher von Sabina Kadic
Von der Autorin hinter Unsere Fellnase: Bücher über Demenz, Kommunikation, unsichtbare Krankheiten und mehr – einfühlsam und nah am Leben.



Kommentare